Ich kenne Can und Petja schon eine Ewigkeit und bereits nach
unserem ersten Treffen zeichnete sich ab, dass die Zwei ein fester Bestandteil
meines Lebens werden würden.
Damals war ich drei, vielleicht vier Jahre alt und landete auf dem Kinderfest
zum sechsten Geburtstag des gemeinsamen Freundes Martin Hegel im Brennnessel-Hain
hinterm Haus seiner Eltern. Man könnte behaupten, dass Can und Petjas Beitrag
zu diesem Unfall Ausschlag gebend für den unglücklichen Sturz war.
Nachdem meine Mutter am nächsten den Tag den Alptraum einer jeden Petze
lostrat– indem sie die Mütter der Rowdies anrief und die Schandtat
ihrer missratenen Söhne öffentlich machte- wurden Can und Petja meine
Dauerbegleiter auf dem Weg zum Geigenunterricht bei Martins Mutter. Über
die kommenden Jahre fand ich mich in diversen Mülleimern der Nachbarschaft
wieder, fischte meine Geige aus zahlreichen Dornenhecken, wurde um meinen Zopf
(der war immerhin fünfzehn Zentimeter lang!) und den Spitzensaum eines
traumhaften Jeansrocks erleichtert; viermal ging meine gesammelte Notenmappe
vor meinen Augen in Flammen auf und dreimal landete ich mit voller Montur, mit
Geige und Fahrrad im Gartenteich von Hegels Nachbarn.
Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin den Beiden rückwirkend durchaus
für ihre radikalen „Sozialisierungsmethoden“ dankbar. Als ich
vierzehn wurde, war ich keine Heulsuse, Petze und erst rech keine Geigerin mehr.
In meinem Osnabrücker Stadtalltag war in dem Augenblick, als der Geigenunterricht
in Wersen flachfiel, kein Platz mehr für Terror-Landeier. Doch es kam noch
besser. Bekanntermaßen verschieben sich Machtverhältnisse sich im
Laufe der Zeit. Jungs werden anders von den Hormonschüben der Pubertät
heimgesucht als Mädchen. Während sich die Spitze der Wersener Nahrungskette
sich in zwei verpickelte, verwachsene Kerle mit Flaumbart und Zahnspange verwandelte,
reifte ich zur frühreifen Lolita der ersten Reihe von Osnabrücks Teenagern
heran. Was soll man lange drum herum quatschen: Ich war das heißesten
Huhn zwischen Borgloh und Ibbenbüren. Selbstverständlich strafte ich
die zwei Jungs, damals besser Hackpetja und Sandkasten Django bekannt, mit absoluter
Ignoranz. Die Zwei waren der Running-Gag der Hyde Park Szene (der Disko in Osnabrück
schlechthin), die Tiefsten der Tiefen vom Gleis 22 (der Disko in Münster
und Club des Jahres 2005 der Spex Leser Poll) und das Gespött aller dazwischen.
Zu der Zeit ging ich mit einem Jungen, den man nur den „Profi“ nannte-
schwarze Haare, stahlblaue Augen- ein unerreichtes Wunder an Selbstüberschätzung.
Für mich glich das Leben einem Selbstbedienungsladen, in dem ich mich vor
allen anderen mit dem Besten des Besten eindecken konnte. Während meiner
Jahre als Prinzessin von Osnabrück, richtete Can etwas ein, dass er „Domäne“
im „Internet“ nannte. Der Profi und ich verprassten unser Geld für
ein weißes Golf Cabriolet, während Can und Petja sich mit etwas auseinandersetzen,
das sie gemäß ihres Loser-Images „boo.com“ nannten. Meine
Clique und ich tranken selbstgemachten Bailey’s und rauchten schwarzen
Tee, während Hackpetja und Sandkasten Django Malzbier trinkend nächtelang
vor ihren Computern hockten. Übrings machte keiner von Beiden Abitur. Hackpetja
flog von der Schule, weil er ständig im Unterricht einschlief (es kursierte
das Gerücht er habe die Schlafkrankheit. Was sich später als falsch
herausstellte, denn er schlief nur in der Schule, weil er nachts damit beschäftigt
war, Internetmillionär zu werden). Sandkasten Django selbst erschien nicht
einmal mehr in der Schule. Der Verweis wurde als „unbekannt verzogen“
an die Schule zurück geschickt.
Kurz vorm Abi erwischte ich den Profi mit einer Studentin auf einer Erstsemesterparty
und wäre vor Kummer fast durchs Abi gerasselt. Auf dem Weg zu meiner schriftlichen
GK-Prüfung, radelte ich mein Fahrrad vor die Wand und brach mir dabei den
Kiefer zweimal. Das letzte, was ich sah bevor das Licht ausging, waren die lachenden
Gesichter von „Petja Pan“ und „Cangeskhan“, den ersten
.com Aktiengesellschaftern mit Millionen im Gepäck Deutschlands unter 23,
auf dem Titelblatt des Spiegels. Sicher erinnert ihr euch an die Story, die
unsere Leben veränderte: Bill Gates (Microsoft), Shawn Fenning (Napster),
Jeff Bezos (Amazon), David Filo and Jerry Yang (Yahoo) und Can und Petja
(Boo) und die Rache der Nerds, die, während wir mit Popularitätswettbewerben
und Safer Sex beschäftigt waren, aus dem Nichts zu den reichsten Männern
der Welt aufstiegen.
Mein eigener Versuch auf boomenden Internetzug aufzuspringen, endete in einer
peinlichen Werbekampagne für das Moorhuhn, in der ich wochenlang auf Plakaten
als das Moorhuhn zu sehen war. Gleichzeitig ging Cangeskhan aufgrund seiner
on/off Beziehung mit Juliette Lewis durch die Presse, während Petja Pan
immer wieder beschuldigt wurde, mit seinen Kumpels Liam Gallagher und Robbie
Williams in Drogenexzesse verwickelt zu sein. Die Episode aus dem Jahr 1996,
wo ich, als die Zwei bei ihrer Rückkehr nach Osnabrück frenetisch
gefeiert wurden, an der Backdoor der Halle Gartlage vergeblich um Eintritt zu
meinen „Kindheitsfreunden“ bettelte, erwähne ich an diese Stelle
nur, weil wir mittlerweile alle drei drüber lachen können.
Wie bereits gesagt: Das Blatt wendet sich das immer wieder und wieder, für
die Ewigkeit gibt’s außer dem sicheren Tod nur die Tatsache, dass
nichts ewig hält. Bereits vor dem Nasdaq-Crash von 1999 sicherte sicht
Boo.com 1998 durch seine spektakuläre Pleite einen Spezialplatz in der
Geschichte der Internetrevolution. Missmanagement, Größenwahn, Drogen
und Streitigkeiten zwischen dem dominanten Can und dem flamboyanten Petja trieben
das Millionengeschäft in den Ruin. Böse Zungen behaupten, dass der
Kollaps von Boo.com den Nasdaq-Crash überhaupt erst möglich gemacht
habe...Die beiden hinterließen massive Schuldenberge und tausende Arbeitsloser
und noch mal so viele wütende Aktionäre. Um ein Haar wären sie
im Knast gelandet. Hey, Shit happens. Wenigstens können Can und Petja von
sich behaupten, einmal in ihrem Leben mit dem Sohn Gaddfis und der Tochter von
Mick Jagger um Sardinien gesegelt zu sein. Wer von uns hat so etwas schon erlebt?
Die Erinnerung bleibt schließlich, ob rühmlich oder schmerzhaft,
das einzige, was den großen Momenten unseres Lebens übrig bleibt.
Außerdem sind die Photos wahre Spitzenklasse (vgl. Photosektion)!
Petja machte im Anschluss an die Pleite von Boo.com eine Umschulung zum Sozialarbeiter
und verdingt sich heute im betreuten Wohnen für bankrotte, ehemalige Jungmillionäre,
die in einen dem Autismus ähnlichen Zustand von Hospitalismus verfallen
sind. Can arbeitet in unregelmäßigen Abständen als zweifelhafter,
halb-legaler Unternehmensberater und ist sonst, nun ja, „arbeitslos“.
Geblieben ist den ehemaligen Shooting Stars des internationalen E-Business ein
einziges Relikt ihres verblichenen Glamours: Die Segelyacht. Ja, die „Lea“,
die Bartels geistesgegenwärtig seiner Nichte überschrieb, als die
Gläubiger sein Vermögen konfiszierten, ist die letzte Zeugin eines
heldenhaften Aufstiegs und eines vergleichslosen Falls zweier Glückritter.
Doch die totgesagten leben immer länger. Letztes Jahr traf ich Petja während
eines AA-Meetings (ich recherchierte eine Story. Nach fünf Jahre Dauerfasten
war des erfolglosen Modeldaseins überdrüssig und schrieb für
G*** als undercover-Reporterin über Society-Alkoholiker. Alkoholprobleme
habe ich selbst natürlich nicht, Anmerkung der Autorin. Übrigens hat
PB natürlich auch kein Alkoholproblem. Er begleitete einen seiner Schützlinge,
der gemäß dem Prinzip der AAs anonym bleiben möchte, Anmerkung
des Herausgebers). Deswegen war es uns vergönnt, die alten Zeiten leidenschaftlich
zu begießen und frischten damit unsere eingeschlafene Freundschaft auf.
Heute kann ich ihnen stolz versichern, dass sie zurück sind, Deutschlands
liebste, trotteligste Versager-Ventures: Mit ihrem treuen Boot stehen sie aus
ihrer Asche gegen die Hafenmeister, Leichtmatrosen, Yachtbesitzer und Profisegler
über 60 und, nicht zu vergessen, die Weltmeere auf. Und sie, liebe Freunde,
sind live dabei. Verpassen sie nicht die Aufläufe auf die Sandbänke
um Hiddensee! Freuen sie sich den wütenden Hafenmeister! Großartige
Missverständnisse um einfach und doppelt-gelegte Taue! Faule, meckernde,
zahnlose Matrosen!
Wer braucht schon Millionen von Dollars, wenn man den Wind um die Nase für
fast umsonst haben kann? Segeln mit Can und Petja ist bestimmt nichts für
Weicheier, aber für uns gebrochene Seelen immer eine Reise wert.