Die Rache der Bananenfische


Ich werde nie die Blicke der anderen Bootseigner vergessen, als wir im Hafen von Hiddensee einliefen. Mir sind zwar schon vorher in meinem Leben Gesten der Abneigung, ja der Abscheu begegnet, aber dieser Mix aus Hass, Mitleid, Unverständis und purem Ekel war mir neu. Sie hatten uns wohl von ihren schneeweißen Yachten aus schon länger beobachtet. Es war ja auch ausreichend Zeit dazu, da unser quälend langwieriges Einlaufmanöver mehrere Stunden in Anspruch nahm.
Dabei hatte alles so reibungslos angefangen. Bootseigner Petja und Can, der unser Kapitän sein sollte, hatten mich am Abend vorher abgeholt und zu Petjas Ostsee-Residenz mitgenommen, einem beeindruckenden Häuschen direkt am Meer, das von seinen Eltern und einem Polen bestens in Schuss gehalten wurde. Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns dann in aller Frühe in Richtung Boot auf, das im nahen Hafen lag. Nachdem Petja und ich uns ausreichend verproviantiert hatten, gesellten wir uns zu unserem Käptn, der schon, behände wie ein Affe auf dem Schiff herumturnend, einige wichtige Handgriffe vollzog. Wie die meisten bestimmt schon wissen, wurde das Schiff von Petjas Onkel in geduldiger Heimarbeit angefertigt. Es ist also der zu Stahl gewordene Wille eines Einzelnen und strahlt gleichzeitig Stolz, Lakonie und ein gewisses Maß an Frechheit aus. Das Boot gefiel mir sofort und ich hüpfte vorsichtig an Bord, um mich unter Deck einzurichten. Auch dort machte alles einen sehr gemütlichen Eindruck und trug ebenfalls dazu bei, dass ich alle Zweifel, die ich vorher an diesem Törn gehabt hatte, sofort beiseite wischte. Wie unwissend ich doch war!


Nachdem alles an seinem Platz war und Käptn Can seine gründliche Untersuchung aller Taue und anderer Dinge beendet hatte, stachen wir in See. Da wir dabei die Hilfe eines Automotors in Anspruch nahmen, ging alles problemlos über die Bühne. Übermütige Freude stieg in mir auf: So schwer wie ich gedacht hatte, war diese Segelei ja gar nicht! Fröhlich starrte ich in den weißen Schaum, den unser Motor verursachte und genoss das angenehme Schaukeln und die frische Meerluft. Doch während ich so versonnen an Deck stand und den Ausblick genoss, drang plötzlich eine Art raues Gebrüll an meine Ohren, das ich nicht recht einzuordnen verstand. Da wir nicht die einzigen Segler waren, nahm ich zunächst an, das Geschrei käme von einem anderen Boot, in dessen Weg wir uns befänden. Verwirrt schaute ich mich um und staunte nicht schlecht, als ich die Quelle der unangenehmen Misstöne ausmachte. Es war Käptn Can! Mit wütend funkelnden Augen gab er Befehle. Und zwar mir! Irgendwelche Seile sollten hier entfernt und dort wieder festgemacht werden, das Ruder sollte mal nach links mal nach rechts herumgerissen werden, und auch die vielen Segel bedurften plötzlich der allerhöchsten Aufmerksamkeit. Petja befand sich bereits lustig kichernd im Einsatz. Ihm schien die seltsame Veränderung unseres Käptns gar nicht aufzufallen. Schnell lernte ich, das Konversation in Zimmerlautstärke zwar für die Landbevölkerung eine angemessene Form der Kommunikation darstellte, an Bord dieses Schiffs jedoch als völlig unzulänglich galt und regelrecht verpönt war. Das Problem war nur, dass es Käptn Can scheinbar nicht zu Bewusstsein kam, dass lautes Schreien alleine nicht reichte, um aus mir einen erfahrenen Seemann zu machen. Sicher, er hatte mir vor unserer Abreise mittels eines kurzweiligen Gedichts einen Knoten erklärt, dessen Wichtigkeit für mein weiteres Überleben aber leider nicht hinreichend genug unterstrichen. Noch heute ist mir nicht klar, was er genau von mir wollte. Es ging jedenfalls darum, den Wind von der richtigen Seite mit den Segeln aufzufangen. Mal kam der Wind von hier, mal kam er von da. Jeder Wechsel der unzuverlässigen Naturkraft wurde mit Käptn Cans lautem Geschrei quittiert und bedeutete, dass das was bis gerade noch adäquat gewesen war, sich in einen saudummen Fehler verwandelte, für den man Schelte einzustecken hatte. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass man auf der Ostsee nicht einfach frei herumsegeln konnte, sondern das es Strassen gab, an denen man sich zu orientieren hatte. Es heißt zwar, das Wasser keine Balken hat, es hat dort aber sehr wohl feste Wege, deren Verlassen einem schweren Vergehen gleichkommt. Käptn Can achtete strengstens auf das genaue Einhalten dieser Verkehrsregeln, was die Sache nicht unbedingt amüsanter machte. Es wurde mir immer schmerzlicher bewusst: Das hier war Akkordarbeit! Ohne Pause und natürlich auch ohne Bezahlung. Ich war auf einem Seelenfänger gelandet!


Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Stunden die Plackerei andauerte, jedenfalls weiß ich seit diesem Tag den Begriff „Windstille“ erst wirklich zu schätzen. Windstille bedeutet Pause. Irres Herumgerenne wird zu zähflüssigem Herumgehänge und die Bootsfahrt wieder lustig. Auch uns erwies das Wetter diese Gunst, und die Zeichen für einige Momente der Entspannung standen gut. Doch Käptn Can hatte noch nicht alle Asse aus seinem Ärmel geschüttelt. Sofort widmete er sich einer neuen unguten Leidenschaft, dem Hochseefischen. Dazu diente ihm ein langes Stück Angelschnur und ein Haken, den er tückisch grinsend in die See warf. Da ich nicht erpicht darauf war, Besuch von einem der Meeresbewohner zu bekommen, versuchte ich den Käptn von der Unsinnigkeit dieses Unterfangens zu überzeugen. Der lachte mich nur aus und prahlte schamlos mit den Fängen, die er bereits gemacht hatte. Auch Petja stimmte in das Seemannsgarn mit ein und ich durfte mir Berichte von exquisiten Riesenfischen anhören, die die beiden auf dem schaukelnden Gaskocher unter Deck zubereitet hatten. Tatsächlich dauerte es nicht lange bis jemand dumm genug war in den Haken zu beißen. Bei dem Unglücklichen handelte es sich um einen Fisch von der ungefähren Größe und Form einer Banane, dessen auffälligstes Merkmal ein langer stachelartiger Auswuchs war, der direkt aus seinem traurigen Gesicht ragte. Ein bisschen sah das Tier aus wie der weitaus größere Fisch den Spencer Tracy in dem Film „Der alte Mann und das Meer“ fängt. Ich glaube es war ein Marlon. Aber Käptn Can ist nicht Spencer Tracy und die Ostsee eigentlich gar kein Meer und das was da jetzt in einem Eimer vor sich hindümpelte und nach Luft japste, war auch kein Marlon. Mit einem Hinweis auf seine offensichtliche Ungenießbarkeit versuchte ich den Fisch aus seiner misslichen Lage zu befreien, stieß damit aber nur auf Unverständnis. Sicher, ich hätte das dumme Tier in einer heldenhaften Aktion aus dem Eimer nehmen und wieder seiner Heimat übergeben können, aber ich war nur Gast an Bord und nach Meuterei stand mir nicht der Sinn.
Nachdem ich mich so an die ungewöhnlichen Regeln der Seefahrt gewöhnt hatte, verlief unser restlicher Teil der Reise erstmal ohne weitere Zwischenfälle. Käptn Can war dank seines kapitalen Fanges etwas besserer Laune, und so segelten wir gemütlich um die Insel Hiddensee herum. Je näher wir allerdings unserem Ziel, einem der Sporthäfen von Hiddensee, kamen, desto unruhiger wurde unser Hochseefischer. Besorgt studierte er die Seekarten und wies Petja und mich auf gefährliche Untiefen hin, die wir auf unserem Weg in die Bucht zu umschiffen hatten. Ich verstand die Karten zwar nicht, erkannte aber, dass das was ich dort gezeigt bekam bestimmt einiges Geschrei verursachen würde. Petja dagegen machte sich, wie übrigens immer, nicht die geringsten Sorgen und lachte nur über die nahenden Gefahren. Leider war sein Optimismus völlig unbegründet, denn als sich der Hafen schließlich in greifbarer Nähe befand, blieben wir nach einigen halsbrecherischen Manövern auf einer Sandbank hängen. Es kostete einige Anstrengung, sowie den Einsatz des Motors, um unsere Reise (im Rückwärtsgang!) fortzusetzen, nur um nach wenigen Metern erneut auf Grund zu laufen. So näherten wir uns in nervenaufreibender Weise, von einer Sandbank zur anderen rutschend unserem Ziel, während wir vom Ufer aus mit mehreren Fernrohren beobachtet wurden. Mit Sicherheit wurde unser Eintreffen seitens der anderen Segler mit großer Freude erwartet. Unser wirrer Zickzack-Kurs hatte bestimmt eine symphatische Ausstrahlung auf erfahrenere Hobbysegler.
Wie wir tatsächlich empfangen wurden, habe ich bereits Anfangs erwähnt und wenn Yachten Rollläden hätten, wären diese bestimmt jetzt heruntergelassen worden. Am schlimmsten war der Moment, als einer unserer „Nachbarn“, verständlicherweise besorgt um sein Boot, uns beim Anlegen half. Da Käptn Can mich zuerst an Land gescheucht hatte, um unser Schiff zu vertäuen, erwischte der Fremde mich sogleich dabei, dass ich nicht in der Lage war, den komplizierten Befestigungsknoten zu machen. Der Mann nahm mir verächtlich das Tau weg, erledigte die Aufgabe in wenigen Sekunden und entfernte sich grußlos. Ich war trotzdem froh erstmal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, obwohl nach so einer Schifffahrt das innere Schaukeln ja nicht sofort aufhört. Ein lustiges Gefühl.

.


Nach der etwas beschämenden Art unseres Eintreffens war der Besatzung daran gelegen, möglichst schell einen Landgang einzulegen, und so machten wir uns auf, Hiddensee zu erkunden. Das genaue Erforschen jeden Winkels dieser Insel nimmt insgesamt ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch, und der Höhepunkt ist ein kleiner Hügel an der Nordseite der Insel, auf dem sich ein Leuchtturm befindet. Von dort aus kann man den ganzen traurigen Rest dieses Eilands sehen. Zu Füßen des Hügels haben sich die Eingeborenen eingerichtet. Dabei wurde augenscheinlich darauf geachtet, jede Form von Abwechslung im Keim zu ersticken, denn Hiddensee ist das Paradies der Langeweile. Das Aufregendste, was die Bevölkerung zu bieten hat, ist ein gelblicher, äußerst saurer Saft, der dort in allen denkbaren Verarbeitungsformen feilgeboten wird. Dieses widerliche Zeugs hat seinen Produzenten zu genug Reichtum verholfen um dort eine abstoßend gepflegte Vorstadtsiedlung aus dem Boden zu stampfen, in der jeder Grashalm mit der Pinzette zurecht gelegt wird. Da es auch mit viel Geld und Fleiß nicht möglich war, die Reihenhausbeschaulichkeit auf die Steilhänge des Hügels auszudehnen, gestaltete es sich dort allerdings sehr schön. Schön war es auch, den strengen Käptn wieder als Privatperson erleben zu dürfen. An Land ein liebenswerter Mensch, kullerte er, jauchzend Purzelbäume schlagend, einen Hang herunter und bat mich dann ein Foto von ihm zu machen, auf dem die Illusion erweckt werden sollte, er hielte den Leuchtturm fest. Eine ganz tolle Idee wie das beigefügte Bildmaterial beweist!
Als wir nach unserem entspannten Ausflug in den Hafen zurückkehrten, herrschte dort schon helle Aufregung. Der Hafenmeister kam uns auf einem winzigen Klapprad wütend entgegen gefahren und informierte uns darüber, dass wir einen verhängnisvollen Fehler begangen hatten. Ein Stück Tau war nicht ordentlich befestigt worden und hatte durch sein Geklapper die Totenstille des Hafens gestört. Die restlichen Schiffseigner hatten sofort eine Petition gegen uns beim Hafenmeister eingereicht. Natürlich war das störende Tau sofort bombenfest vertäut worden, doch der Schock bei den Hafenbewohnern saß noch tief. Sie rechneten allerdings nicht damit, dass dieser Zwischenfall noch ein turbulentes Nachspiel haben würde.
Nach einem an Bord zubereiteten Abendessen (es gab keinen Fisch) machten wir uns dann auf den Weg in einen nahe gelegen Ort an dem Can und Petja einmal sehr viel Spaß gehabt haben wollten. Es war eine Kneipe, in der man angeblich auch tanzen konnte. Als wir dort eintrafen, entpuppte sich die angebliche Tanzdiele als eines dieser Wirtshäuser, deren Gäste nur unter der Bedingung ihre gemütlichen 4 Wände verlassen, dass sie irgendwo eine noch größere Glotze erwartet als zu Hause. Ich setzte mich mit dem Rücken zu der obligatorischen Fußballberichterstattung und konnte mir so die Fressen sämtlicher Gäste in Ruhe frontal anschauen und dabei Bier trinken. Ein zweifelhaftes Vergnügen. Glücklicherweise trank Schiffseigner Petja auch gerne Bier, denn mit dem Kiba-nippenden Käptn Can war in diesen Gefilden kein Staat zu machen. Nach moderatem aber ausreichendem Alkohol bzw. Fruchtcocktailgenuss, machten wir uns beschwingt auf die Heimreise und erzählten uns dabei peinliche Tatsachen aus unseren Leben, die ich leider alle vergessen habe, inklusive meinen. Doch der Abend hatte seinen Höhepunkt noch keineswegs erreicht und unser Segeltörn schon gar nicht.
Als wir in unseren Hafen der Andacht und Stille zurückkehrten entdeckten wir, dass in unsere Abwesenheit eine prächtige Protz-Yacht, deren Größe die der anderen Identitätsprothesen bei weitem überstieg, vor Anker gegangen war. Auf dieser Yacht wurde noch aufs asozialste gefeiert. Waren wir unter Piraten geraten? Schallendes Gelächter und ohrenbetäubender Gesang waberte uns schon von weitem entgegen. Ich weiß nicht mehr ob Wolfgang Petri persönlich an Bord war oder ob man nur sein Liedgut dort verbreitete, aber die Art und Weise wie dort gefeiert wurde, stieß selbst den sich zusehends in den Zustand der Enthemmung schaukelnden Petja ab. Erstaunt und betroffen beobachteten wir das ausgelassene Treiben unserer neuen Nachbarn. Wo waren eigentlich jetzt die anderen Schiffseigner? Waren ihre Trommelfelle durch das nachmittägliche Taugeklapper allesamt geplatzt? Jedenfalls steckte keiner der lärmempfindlichen Segelfreunde auch nur den kleinen Zeh über Deck. Es war ein schönes Gefühl sich vorzustellen, wie sie alle verbittert in ihren hochglanzpolierten Kähnen hockten und sich von einem offensichtlich betuchteren Artgenossen auf der Nase herumtanzen ließen. Die Situation brachte uns erneut in Feierlaune und so tranken wir unter Deck weiter bis selbst auf der Riesenyacht alle Gröhler die Segel gestrichen hatten. Schon lange vorher hatte sich bei Kollege Petja eine zunehmende Zügellosigkeit bemerkbar gemacht. Er schien an mehreren Orten gleichzeitig existieren zu können, da er mit der Geschwindigkeit eines Neutrons in der kleinen Kajüte herumderwischte und dabei die aberwitzigsten Kapriolen veranstaltete. Als nun endlich Stille herrschte, ließ er es sich nicht nehmen, dem Hafenvolk auf seinem Nebelhorn eine mir unbekannte Weise zu blasen, die man auf der ganzen Insel deutlich vernehmen konnte. Ab und zu unterbrach er sein Spiel, öffnete die Luke und schrie die mahnenden Worte: „Klapperwache ist Schiffseignersache!“ in die Nacht hinaus. Er hatte seine Lektion gelernt und war froh, seine Erfahrungen mit den anderen zu teilen. Ein durch und durch herzensguter Bursche eben. Im Gegensatz übrigens zu Käptn Can, der mich später hämisch lachend fotografierte, als ich versehentlich falsch herum in meine Koje kroch und mich unter großen Anstrengungen in die richtige Position bringen musste. Als ich dort endlich gut lag und auch das niederträchtige Gekicher des Käptns leise verhallte (er ließ sich mittels seines Ipod noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen), bekam ich meinen wohlverdienten Lohn für die vorhergehenden Strapazen. In dieser engen schaukelnden Koje fühlte ich mich so wohl wie zuletzt im Mutterleib. Ein süchtig machendes Gefühl überkam mich und ich war ein für allemal der See verfallen.
Am nächsten Morgen wurde ich von starken Sturmböen wach, die unser Nachtlager unruhig durch die Gegend wabbeln ließen. Ich hatte bis jetzt nicht gekotzt und das sollte auch so bleiben. Deshalb ging ich an Land und bewegte mich zu den nahe gelegenen Duschräumen, wo sich schon andere Schiffseigner der Körperpflege widmeten. Ihren Gesprächen entnahm ich, dass es ganz schön windig sei und es sich empfahl den sicheren Hafen besser nicht zu verlassen. Als Segler ist man nämlich von den Launen der Natur abhängig. Kein Terminkalender und keine spontanen Eingebungen diktieren den Tagesablauf, sondern einzig und allein die Willkür der Wetterverhältnisse ist es, die das Leben des Seemanns bestimmt. Dachte ich jedenfalls, denn als ich an Bord zurückkehrte waren Käptn Can und Petja schon dabei, alles für unsere Abreise fertig zu machen. Can fummelte geschäftig an dem riesigen Motor herum, der bei den vorhergehenden Sandbankmanövern durch Ausstoßen großer, schwarzer Qualmwolken mögliche Schwächen signalisiert hatte. Nach Art des Draufgängers wurde der Motorblock teilweise demontiert und dann nach Erinnerung wieder zusammengesetzt. Einem alten Seemannsaberglauben zufolge wird so alles wieder heil. Nachdem der Motor auf diese zweifelhafte Weise wieder in Stand gesetzt war, besorgte sich Can von einem der Nachbarn den Wetterbericht, der, wie mir schon unter der Dusche berichtet worden war, nichts Gutes verhieß. Zusätzlich wurde noch ein uraltes Telefon (siehe Bild) dazu benutzt den umliegenden Rettungsfunk auf Neuigkeiten abzuhören. Recht schnell bekamen wir auch schon den ersten Rettungsruf mit. Eine Familie aus Stuttgart war manövrierunfähig geworden und bat um Hilfe. Der Sprecher erklärte dem Rettungspersonal, dass er der Einzige an Bord sei, der etwas vom Segeln verstand und unterstrich mehrmals, dass der Rest seiner Familie offensichtlich zu blöde sei, ihm auch nur rudimentär zur Hand zu gehen. Statt diesen Hilferuf als Wink des Schicksals zu begreifen, bogen wir uns nur vor Lachen, während wir die peinliche Durchsage hörten. Es war aber auch wirklich zu ulkig, was dieser Stuttgarter da erzählte! Und warum war er überhaupt bei diesem Wetter rausgefahren, wenn doch keiner seiner schwäbischen Begleiter die Kunst des Segelns beherrschte? Manche Leute würden es einfach nie lernen.
Nach diesem herzerfrischenden Intermezzo gab unser Käptn den Befehl zum Ablegen. Der Sturm stand gut und schließlich hatten wir ja noch den gerade erst reparierten Motor als treuen Gefährten an unserer Seite.
Ich machte die Leinen los, nicht ohne die kopfschüttelnden Reaktionen der zurückbleibenden Hobbysegler zu genießen. Diese Süßwassermatrosen würden jetzt sehen wie die rauen Typen den Orkan zu meistern wussten, mit ihrem selbst gebastelten Boot gegen alles nautische Unbill trotzten usw. Schon wieder riss mich lautes Schreien aus meinen Gedanken, wir waren jetzt wieder auf See und Käptn Can hatte seine Metamorphose vom Kameraden zum Despoten bereits erfolgreich abgeschlossen. Wegen des Sturms und der prekären Lage verdoppelte er sogar die Leistung seines Organs und trieb Petja und mich zu Höchstleistungen an. Stolz und pfeilschnell sauste unser Boot aus dem Hafen in die Bucht hinaus. „Super, wie schnell das Ding fährt wenn der Wind so stark bläst“ dachte ich noch, als sich auch schon herausstellte, dass wir keinesfalls dahin fuhren wo wir sollten, sondern den eng gesteckten Seeweg in Rekordzeit verließen. Ich packte ein mir zugeteiltes Tau und hielt es in eiserner Umklammerung. Doch trotz unseres tapferen Engagements und Käptn Cans lauter Stimme schaukelte das Boot wie ein Korken auf dem Wasser herum und wurde zum Spielball des sich enervierend häufig drehenden Windes. Auf einmal kam mir der rettende Gedanke, und ich schrie Käptn Can an, er möge mal endlich den Rand halten, man könne ja keinen klaren Gedanken fassen. Der Käptn schaute mich verdutzt an, ich nutzte den kurzen Moment der Ruhe, dachte nach und kam trotzdem zu keinem klaren Gedanken. Der Sturm tobte mittlerweile so heftig, dass das Wort Schiffbruch für mich keinen Begriff aus irgendwelchen Abenteuergeschichten mehr darstellte. War das die Rache der Bananenfische? Unser Schiff begann sich senkrecht nach oben zu schieben, das Segel sauste guillotinenartig von einer Seite zur anderen, wir bekamen das volle Programm geboten. Dann landeten wir auf einer unserer altbekannten Sandbänke, was auch seine guten Seiten hatte, denn dort konnten wir wenigsten nicht untergehen. Jetzt war die Zeit von Mr. Motor gekommen. Käptn Can warf das Ding an und gab Vollgas. Er setzte wohl wieder auf den guten alten Rückwärtsgang, doch auch dieser versagte diesmal seinen Dienst. Der Sand hatte uns einfach zu fest im Griff. Wie besessen teufelte der Käptn auf die Maschine ein, bis sie erst in den höchsten Tönen jaulte und dann endgültig den Geist aufgab. Nun blieb nur noch der demütige Griff zum Bordtelefon. Gut das es die Küstenwache gab! Trotz des hohen Seegangs kam sie mit bewundernswerter Zuverlässigkeit angebraust und schleppte uns aus der Misere. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass diese Leute ihr Leben riskierten um uns zu retten. Hoch sollen sie leben.
Glücklicherweise wurden wir wegen des Sturms nicht in unseren Hafen der sicheren Schande zurückgezogen, sondern an eine andere nahe gelegene Anlagestelle. Auf dem Weg dorthin konnte ich die Bootsfahrt noch ein letztes Mal untätig genießen. Auf See abgeschleppt werden? Ich fands gut! Petja und Käptn Can sahen das etwas anders, wenn ich ihr versteinertes Minenspiel richtig deuten konnte. Das Schiff war ja schließlich ihr Sorgenkind mit dem sie noch die Sandbänke der sieben Weltmeere besuchen wollten und jetzt war es erst mal kaputt. Ich wollte sie beide tröstend in den Arm nehmen, ließ es dann aber doch besser bleiben. Sie waren ja Seebären und Ärger gewohnt.
Nachdem uns Petjas Vater freundlicherweise von der Anlegestelle abgeholt hatte, nahm ich in Stralsund einen Zug Richtung Berlin und freute mich auf meiner Heimreise schon auf das nächste Abenteuer. Und machte schon wieder einen Denkfehler. Wenige Monate später erfuhr ich nämlich, dass Käptn Can mir Bordverbot erteilt hatte. Wegen Meckerns! Meckerns? Hey, dabei gab es doch überhaupt keinen Grund zur Beschwerde, oder?

ZURÜCK

HOME