Ich werde nie die Blicke der anderen Bootseigner vergessen, als wir im Hafen
von Hiddensee einliefen. Mir sind zwar schon vorher in meinem Leben Gesten der
Abneigung, ja der Abscheu begegnet, aber dieser Mix aus Hass, Mitleid, Unverständis
und purem Ekel war mir neu. Sie hatten uns wohl von ihren schneeweißen
Yachten aus schon länger beobachtet. Es war ja auch ausreichend Zeit dazu,
da unser quälend langwieriges Einlaufmanöver mehrere Stunden in Anspruch
nahm.
Dabei hatte alles so reibungslos angefangen. Bootseigner Petja und Can, der
unser Kapitän sein sollte, hatten mich am Abend vorher abgeholt und zu
Petjas Ostsee-Residenz mitgenommen, einem beeindruckenden Häuschen direkt
am Meer, das von seinen Eltern und einem Polen bestens in Schuss gehalten wurde.
Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns dann in aller Frühe in Richtung
Boot auf, das im nahen Hafen lag. Nachdem Petja und ich uns ausreichend verproviantiert
hatten, gesellten wir uns zu unserem Käptn, der schon, behände wie
ein Affe auf dem Schiff herumturnend, einige wichtige Handgriffe vollzog. Wie
die meisten bestimmt schon wissen, wurde das Schiff von Petjas Onkel in geduldiger
Heimarbeit angefertigt. Es ist also der zu Stahl gewordene Wille eines Einzelnen
und strahlt gleichzeitig Stolz, Lakonie und ein gewisses Maß an Frechheit
aus. Das Boot gefiel mir sofort und ich hüpfte vorsichtig an Bord, um mich
unter Deck einzurichten. Auch dort machte alles einen sehr gemütlichen
Eindruck und trug ebenfalls dazu bei, dass ich alle Zweifel, die ich vorher
an diesem Törn gehabt hatte, sofort beiseite wischte. Wie unwissend ich
doch war!
Nachdem alles an seinem Platz war und Käptn Can seine gründliche Untersuchung
aller Taue und anderer Dinge beendet hatte, stachen wir in See. Da wir dabei
die Hilfe eines Automotors
in Anspruch nahmen, ging alles problemlos über die Bühne. Übermütige
Freude stieg in mir auf: So schwer wie ich gedacht hatte, war diese Segelei
ja gar nicht! Fröhlich starrte ich in den weißen Schaum, den unser
Motor verursachte und genoss das angenehme Schaukeln und die frische Meerluft.
Doch während ich so versonnen an Deck stand und den Ausblick genoss, drang
plötzlich eine Art raues Gebrüll an meine Ohren, das ich nicht recht
einzuordnen verstand. Da wir nicht die einzigen Segler waren, nahm ich zunächst
an, das Geschrei käme von einem anderen Boot, in dessen Weg wir uns befänden.
Verwirrt schaute ich mich um und staunte nicht schlecht, als ich die Quelle
der unangenehmen Misstöne ausmachte. Es war Käptn Can! Mit wütend
funkelnden Augen gab er Befehle. Und zwar mir! Irgendwelche Seile sollten hier
entfernt und dort wieder festgemacht werden, das Ruder sollte mal nach links
mal nach rechts herumgerissen werden, und auch die vielen Segel bedurften plötzlich
der allerhöchsten Aufmerksamkeit. Petja befand sich bereits lustig kichernd
im Einsatz. Ihm schien die seltsame Veränderung unseres Käptns gar
nicht aufzufallen. Schnell lernte ich, das Konversation in Zimmerlautstärke
zwar für die Landbevölkerung eine angemessene Form der Kommunikation
darstellte, an Bord dieses Schiffs jedoch als völlig unzulänglich
galt und regelrecht verpönt war. Das Problem war nur, dass es Käptn
Can scheinbar nicht zu Bewusstsein kam, dass lautes Schreien alleine nicht reichte,
um aus mir einen erfahrenen Seemann zu machen. Sicher, er hatte mir vor unserer
Abreise mittels eines kurzweiligen Gedichts einen Knoten erklärt, dessen
Wichtigkeit für mein weiteres Überleben aber leider nicht hinreichend
genug unterstrichen. Noch heute ist mir nicht klar, was er genau von mir wollte.
Es ging jedenfalls darum, den Wind von der richtigen Seite mit den Segeln aufzufangen.
Mal kam der Wind von hier, mal kam er von da. Jeder Wechsel der unzuverlässigen
Naturkraft wurde mit Käptn Cans lautem Geschrei quittiert und bedeutete,
dass das was bis gerade noch adäquat gewesen war, sich in einen saudummen
Fehler verwandelte, für den man Schelte einzustecken hatte. Gleichzeitig
stellte sich heraus, dass man auf der Ostsee nicht einfach frei herumsegeln
konnte, sondern das es Strassen gab, an denen man sich zu orientieren hatte.
Es heißt zwar, das Wasser keine Balken hat, es hat dort aber sehr wohl
feste Wege, deren Verlassen einem schweren Vergehen gleichkommt. Käptn
Can achtete strengstens auf das genaue Einhalten dieser Verkehrsregeln, was
die Sache nicht unbedingt amüsanter machte. Es wurde mir immer schmerzlicher
bewusst: Das hier war Akkordarbeit! Ohne Pause und natürlich auch ohne
Bezahlung. Ich war auf einem Seelenfänger gelandet!
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Stunden die Plackerei andauerte,
jedenfalls weiß ich seit diesem Tag den Begriff „Windstille“
erst wirklich zu schätzen. Windstille bedeutet Pause. Irres Herumgerenne
wird zu zähflüssigem Herumgehänge und die Bootsfahrt wieder lustig.
Auch uns erwies das Wetter diese Gunst, und die Zeichen für einige Momente
der Entspannung standen gut. Doch Käptn Can hatte noch nicht alle Asse
aus seinem Ärmel geschüttelt. Sofort widmete er sich einer neuen unguten
Leidenschaft, dem Hochseefischen. Dazu diente ihm ein langes Stück Angelschnur
und ein Haken, den er tückisch grinsend in die See warf. Da ich nicht erpicht
darauf war, Besuch von einem der Meeresbewohner zu bekommen, versuchte ich den
Käptn von der Unsinnigkeit dieses Unterfangens zu überzeugen. Der
lachte mich nur aus und prahlte schamlos mit den Fängen, die er bereits
gemacht hatte. Auch Petja stimmte in das Seemannsgarn mit ein und ich durfte
mir Berichte von exquisiten Riesenfischen anhören, die die beiden auf dem
schaukelnden Gaskocher unter Deck zubereitet hatten.
Tatsächlich dauerte es nicht lange bis jemand dumm genug war in den Haken
zu beißen. Bei dem Unglücklichen handelte es sich um einen Fisch
von der ungefähren Größe und Form einer Banane, dessen auffälligstes
Merkmal ein langer stachelartiger Auswuchs war, der direkt aus seinem traurigen
Gesicht ragte. Ein bisschen sah das Tier aus wie der weitaus größere
Fisch den Spencer Tracy in dem Film „Der alte Mann und das Meer“
fängt. Ich glaube es war ein Marlon. Aber Käptn Can ist nicht Spencer
Tracy und die Ostsee eigentlich gar kein Meer und das was da jetzt in einem
Eimer vor sich hindümpelte und nach Luft japste, war auch kein Marlon.
Mit einem Hinweis auf seine offensichtliche Ungenießbarkeit versuchte
ich den Fisch aus seiner misslichen Lage zu befreien, stieß damit aber
nur auf Unverständnis. Sicher, ich hätte das dumme Tier in einer heldenhaften
Aktion aus dem Eimer nehmen und wieder seiner Heimat übergeben können,
aber ich war nur Gast an Bord und nach Meuterei stand mir nicht der Sinn.
Nachdem ich mich so an die ungewöhnlichen Regeln der Seefahrt gewöhnt
hatte, verlief unser restlicher Teil der Reise erstmal ohne weitere Zwischenfälle.
Käptn Can war dank seines kapitalen Fanges etwas besserer Laune, und so
segelten wir gemütlich um die Insel Hiddensee herum. Je näher wir
allerdings unserem Ziel, einem der Sporthäfen von Hiddensee, kamen, desto
unruhiger wurde unser Hochseefischer. Besorgt studierte er die Seekarten und
wies Petja und mich auf gefährliche Untiefen hin, die wir auf unserem Weg
in die Bucht zu umschiffen hatten. Ich verstand die Karten zwar nicht, erkannte
aber, dass das was ich dort gezeigt bekam bestimmt einiges Geschrei verursachen
würde. Petja dagegen machte sich, wie übrigens immer, nicht die geringsten
Sorgen und lachte nur über die nahenden Gefahren. Leider war sein Optimismus
völlig unbegründet, denn als sich der Hafen schließlich in greifbarer
Nähe befand, blieben wir nach einigen halsbrecherischen Manövern auf
einer Sandbank hängen. Es kostete einige Anstrengung, sowie den Einsatz
des Motors, um unsere Reise (im Rückwärtsgang!) fortzusetzen, nur
um nach wenigen Metern erneut auf Grund zu laufen. So näherten wir uns
in nervenaufreibender Weise, von einer Sandbank zur anderen rutschend unserem
Ziel, während wir vom Ufer aus mit mehreren Fernrohren beobachtet wurden.
Mit Sicherheit wurde unser Eintreffen seitens der anderen Segler mit großer
Freude erwartet. Unser wirrer Zickzack-Kurs hatte bestimmt eine symphatische
Ausstrahlung auf erfahrenere Hobbysegler.
Wie wir tatsächlich empfangen wurden, habe ich bereits Anfangs erwähnt
und wenn Yachten Rollläden hätten, wären diese bestimmt jetzt
heruntergelassen worden. Am schlimmsten war der Moment, als einer unserer „Nachbarn“,
verständlicherweise besorgt um sein Boot, uns beim Anlegen half. Da Käptn
Can mich zuerst an Land gescheucht hatte, um unser Schiff zu vertäuen,
erwischte der Fremde mich sogleich dabei, dass ich nicht in der Lage war, den
komplizierten Befestigungsknoten zu machen. Der Mann nahm mir verächtlich
das Tau weg, erledigte die Aufgabe in wenigen Sekunden und entfernte sich grußlos.
Ich war trotzdem froh erstmal wieder festen Boden unter den Füßen
zu haben, obwohl nach so einer Schifffahrt das innere Schaukeln ja nicht sofort
aufhört. Ein lustiges Gefühl.
.
Nach der etwas beschämenden Art unseres Eintreffens war der Besatzung daran
gelegen, möglichst schell einen Landgang einzulegen, und so machten wir
uns auf, Hiddensee zu erkunden. Das genaue Erforschen jeden Winkels dieser Insel
nimmt insgesamt ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch, und der Höhepunkt
ist ein kleiner Hügel an der Nordseite der Insel, auf dem sich ein Leuchtturm
befindet. Von dort aus kann man den ganzen traurigen Rest dieses Eilands sehen.
Zu Füßen des Hügels haben sich die Eingeborenen eingerichtet.
Dabei wurde augenscheinlich darauf geachtet, jede Form von Abwechslung im Keim
zu ersticken, denn Hiddensee ist das Paradies der Langeweile. Das Aufregendste,
was die Bevölkerung zu bieten hat, ist ein gelblicher, äußerst
saurer Saft, der dort in allen denkbaren Verarbeitungsformen feilgeboten wird.
Dieses widerliche Zeugs hat seinen Produzenten zu genug Reichtum verholfen um
dort eine abstoßend gepflegte Vorstadtsiedlung aus dem Boden zu stampfen,
in der jeder Grashalm mit der Pinzette zurecht gelegt wird. Da es auch mit viel
Geld und Fleiß nicht möglich war, die Reihenhausbeschaulichkeit auf
die Steilhänge des Hügels auszudehnen, gestaltete es sich dort allerdings
sehr schön. Schön war es auch, den strengen Käptn wieder als
Privatperson erleben zu dürfen. An Land ein liebenswerter Mensch, kullerte
er, jauchzend Purzelbäume schlagend, einen Hang herunter und bat mich dann
ein Foto von ihm zu machen, auf dem die Illusion erweckt werden sollte, er hielte
den Leuchtturm fest. Eine ganz tolle Idee wie das beigefügte Bildmaterial
beweist!
Als wir nach unserem entspannten Ausflug in den Hafen zurückkehrten, herrschte
dort schon helle Aufregung. Der Hafenmeister kam uns auf einem winzigen Klapprad
wütend entgegen gefahren und informierte uns darüber, dass wir einen
verhängnisvollen Fehler begangen hatten. Ein Stück Tau war nicht ordentlich
befestigt worden und hatte durch sein Geklapper die Totenstille des Hafens gestört.
Die restlichen Schiffseigner hatten sofort eine Petition gegen uns beim Hafenmeister
eingereicht. Natürlich war das störende Tau sofort bombenfest vertäut
worden, doch der Schock bei den Hafenbewohnern saß noch tief. Sie rechneten
allerdings nicht damit, dass dieser Zwischenfall noch ein turbulentes Nachspiel
haben würde.
Nach einem an Bord zubereiteten Abendessen (es gab keinen Fisch) machten wir
uns dann auf den Weg in einen nahe gelegen Ort an dem Can und Petja einmal sehr
viel Spaß gehabt haben wollten. Es war eine Kneipe, in der man angeblich
auch tanzen konnte. Als wir dort eintrafen, entpuppte sich die angebliche Tanzdiele
als eines dieser Wirtshäuser, deren Gäste nur unter der Bedingung
ihre gemütlichen 4 Wände verlassen, dass sie irgendwo eine noch größere
Glotze erwartet als zu Hause. Ich setzte mich mit dem Rücken zu der obligatorischen
Fußballberichterstattung und konnte mir so die Fressen sämtlicher
Gäste in Ruhe frontal anschauen und dabei Bier trinken. Ein zweifelhaftes
Vergnügen. Glücklicherweise trank Schiffseigner Petja auch gerne Bier,
denn mit dem Kiba-nippenden Käptn Can war in diesen Gefilden kein Staat
zu machen. Nach moderatem aber ausreichendem Alkohol bzw. Fruchtcocktailgenuss,
machten wir uns beschwingt auf die Heimreise und erzählten uns dabei peinliche
Tatsachen aus unseren Leben, die ich leider alle vergessen habe, inklusive meinen.
Doch der Abend hatte seinen Höhepunkt noch keineswegs erreicht und unser
Segeltörn schon gar nicht.
Als wir in unseren Hafen der Andacht und Stille zurückkehrten entdeckten
wir, dass in unsere Abwesenheit eine prächtige Protz-Yacht, deren Größe
die der anderen Identitätsprothesen bei weitem überstieg, vor Anker
gegangen war. Auf dieser Yacht wurde noch aufs asozialste gefeiert. Waren wir
unter Piraten geraten? Schallendes Gelächter und ohrenbetäubender
Gesang waberte uns schon von weitem entgegen. Ich weiß nicht mehr ob Wolfgang
Petri persönlich an Bord war oder ob man nur sein Liedgut dort verbreitete,
aber die Art und Weise wie dort gefeiert wurde, stieß selbst den sich
zusehends in den Zustand der Enthemmung schaukelnden Petja ab. Erstaunt und
betroffen beobachteten wir das ausgelassene Treiben unserer neuen Nachbarn.
Wo waren eigentlich jetzt die anderen Schiffseigner? Waren ihre Trommelfelle
durch das nachmittägliche Taugeklapper allesamt geplatzt? Jedenfalls steckte
keiner der lärmempfindlichen Segelfreunde auch nur den kleinen Zeh über
Deck. Es war ein schönes Gefühl sich vorzustellen, wie sie alle verbittert
in ihren hochglanzpolierten Kähnen hockten und sich von einem offensichtlich
betuchteren Artgenossen auf der Nase herumtanzen ließen. Die Situation
brachte uns erneut in Feierlaune und so tranken wir unter Deck weiter bis selbst
auf der Riesenyacht alle Gröhler die Segel gestrichen hatten. Schon lange
vorher hatte sich bei Kollege Petja eine zunehmende Zügellosigkeit bemerkbar
gemacht.
Er schien an mehreren Orten gleichzeitig existieren zu können, da er mit
der Geschwindigkeit eines Neutrons in der kleinen Kajüte herumderwischte
und dabei die aberwitzigsten Kapriolen veranstaltete. Als nun endlich Stille
herrschte, ließ er es sich nicht nehmen, dem Hafenvolk auf seinem Nebelhorn
eine mir unbekannte Weise zu blasen, die man auf der ganzen Insel deutlich vernehmen
konnte. Ab und zu unterbrach er sein Spiel, öffnete die Luke und schrie
die mahnenden Worte: „Klapperwache ist Schiffseignersache!“ in die
Nacht hinaus. Er hatte seine Lektion gelernt und war froh, seine Erfahrungen
mit den anderen zu teilen. Ein durch und durch herzensguter Bursche eben. Im
Gegensatz übrigens zu Käptn Can, der mich später hämisch
lachend fotografierte, als ich versehentlich falsch herum in meine Koje kroch
und mich unter großen Anstrengungen in die richtige Position bringen musste.
Als ich dort endlich gut lag und auch das niederträchtige Gekicher des
Käptns leise verhallte (er ließ sich mittels seines Ipod noch eine
Gute-Nacht-Geschichte vorlesen), bekam ich meinen wohlverdienten Lohn für
die vorhergehenden Strapazen. In dieser engen schaukelnden Koje fühlte
ich mich so wohl wie zuletzt im Mutterleib. Ein süchtig machendes Gefühl
überkam mich und ich war ein für allemal der See verfallen.
Am nächsten Morgen wurde ich von starken Sturmböen wach, die unser
Nachtlager unruhig durch die Gegend wabbeln ließen. Ich hatte bis jetzt
nicht gekotzt und das sollte auch so bleiben. Deshalb ging ich an Land und bewegte
mich zu den nahe gelegenen Duschräumen, wo sich schon andere Schiffseigner
der Körperpflege widmeten. Ihren Gesprächen entnahm ich, dass es ganz
schön windig sei und es sich empfahl den sicheren Hafen besser nicht zu
verlassen. Als Segler ist man nämlich von den Launen der Natur abhängig.
Kein Terminkalender und keine spontanen Eingebungen diktieren den Tagesablauf,
sondern einzig und allein die Willkür der Wetterverhältnisse ist es,
die das Leben des Seemanns bestimmt. Dachte ich jedenfalls, denn als ich an
Bord zurückkehrte waren Käptn Can und Petja schon dabei, alles für
unsere Abreise fertig zu machen. Can fummelte geschäftig an dem riesigen
Motor herum, der bei den vorhergehenden Sandbankmanövern durch Ausstoßen
großer, schwarzer Qualmwolken mögliche Schwächen signalisiert
hatte. Nach Art des Draufgängers wurde der Motorblock teilweise demontiert
und dann nach Erinnerung wieder zusammengesetzt. Einem
alten Seemannsaberglauben zufolge wird so alles wieder heil. Nachdem der Motor
auf diese zweifelhafte Weise wieder in Stand gesetzt war, besorgte sich Can
von einem der Nachbarn den Wetterbericht, der, wie mir schon unter der Dusche
berichtet worden war, nichts Gutes verhieß. Zusätzlich wurde noch
ein uraltes Telefon (siehe Bild) dazu benutzt den umliegenden Rettungsfunk auf
Neuigkeiten abzuhören. Recht schnell bekamen wir auch schon den ersten
Rettungsruf mit. Eine Familie aus Stuttgart war manövrierunfähig geworden
und bat um Hilfe. Der Sprecher erklärte dem Rettungspersonal, dass er der
Einzige an Bord sei, der etwas vom Segeln verstand und unterstrich mehrmals,
dass der Rest seiner Familie offensichtlich zu blöde sei, ihm auch nur
rudimentär zur Hand zu gehen. Statt diesen Hilferuf als Wink des Schicksals
zu begreifen, bogen wir uns nur vor Lachen, während wir die peinliche Durchsage
hörten. Es war aber auch wirklich zu ulkig, was dieser Stuttgarter da erzählte!
Und warum war er überhaupt bei diesem Wetter rausgefahren, wenn doch keiner
seiner schwäbischen Begleiter die Kunst des Segelns beherrschte? Manche
Leute würden es einfach nie lernen.
Nach diesem herzerfrischenden Intermezzo gab unser Käptn den Befehl zum
Ablegen. Der Sturm stand gut und schließlich hatten wir ja noch den gerade
erst reparierten Motor als treuen Gefährten an unserer Seite.
Ich machte die Leinen los, nicht ohne die kopfschüttelnden Reaktionen der
zurückbleibenden Hobbysegler zu genießen. Diese Süßwassermatrosen
würden jetzt sehen wie die rauen Typen den Orkan zu meistern wussten, mit
ihrem selbst gebastelten Boot gegen alles nautische Unbill trotzten usw. Schon
wieder riss mich lautes Schreien aus meinen Gedanken, wir waren jetzt wieder
auf See und Käptn Can hatte seine Metamorphose vom Kameraden zum Despoten
bereits erfolgreich abgeschlossen. Wegen des Sturms und der prekären Lage
verdoppelte er sogar die Leistung seines Organs und trieb Petja und mich zu
Höchstleistungen an. Stolz und pfeilschnell sauste unser Boot aus dem Hafen
in die Bucht hinaus. „Super, wie schnell das Ding fährt wenn der
Wind so stark bläst“ dachte ich noch, als sich auch schon herausstellte,
dass wir keinesfalls dahin fuhren wo wir sollten, sondern den eng gesteckten
Seeweg in Rekordzeit verließen. Ich packte ein mir zugeteiltes Tau und
hielt es in eiserner Umklammerung. Doch trotz unseres tapferen Engagements und
Käptn Cans lauter Stimme schaukelte das Boot wie ein Korken auf dem Wasser
herum und wurde zum Spielball des sich enervierend häufig drehenden Windes.
Auf einmal kam mir der rettende Gedanke, und ich schrie Käptn Can an, er
möge mal endlich den Rand halten, man könne ja keinen klaren Gedanken
fassen. Der Käptn schaute mich verdutzt an, ich nutzte den kurzen Moment
der Ruhe, dachte nach und kam trotzdem zu keinem klaren Gedanken. Der Sturm
tobte mittlerweile so heftig, dass das Wort Schiffbruch für mich keinen
Begriff aus irgendwelchen Abenteuergeschichten mehr darstellte. War das die
Rache der Bananenfische? Unser Schiff begann sich senkrecht nach oben zu schieben,
das Segel sauste guillotinenartig von einer Seite zur anderen, wir bekamen das
volle Programm geboten. Dann landeten wir auf einer unserer altbekannten Sandbänke,
was auch seine guten Seiten hatte, denn dort konnten wir wenigsten nicht untergehen.
Jetzt war die Zeit von Mr. Motor gekommen. Käptn Can warf das Ding an und
gab Vollgas. Er setzte wohl wieder auf den guten alten Rückwärtsgang,
doch auch dieser versagte diesmal seinen Dienst. Der Sand hatte uns einfach
zu fest im Griff. Wie besessen teufelte der Käptn auf die Maschine ein,
bis sie erst in den höchsten Tönen jaulte und dann endgültig
den Geist aufgab. Nun blieb nur noch der demütige Griff zum Bordtelefon.
Gut das es die Küstenwache gab! Trotz des hohen Seegangs kam sie mit bewundernswerter
Zuverlässigkeit angebraust und schleppte uns aus der Misere. Ich brauche
wohl nicht zu erwähnen, dass diese Leute ihr Leben riskierten um uns zu
retten. Hoch sollen sie leben.
Glücklicherweise wurden wir wegen des Sturms nicht in unseren Hafen der
sicheren Schande zurückgezogen, sondern an eine andere nahe gelegene Anlagestelle.
Auf dem Weg dorthin konnte ich die Bootsfahrt noch ein letztes Mal untätig
genießen. Auf See abgeschleppt werden? Ich fands gut! Petja und Käptn
Can sahen das etwas anders, wenn ich ihr versteinertes Minenspiel richtig deuten
konnte. Das Schiff war ja schließlich ihr Sorgenkind mit dem sie noch
die Sandbänke der sieben Weltmeere besuchen wollten und jetzt war es erst
mal kaputt. Ich wollte sie beide tröstend in den Arm nehmen, ließ
es dann aber doch besser bleiben. Sie waren ja Seebären und Ärger
gewohnt.
Nachdem uns Petjas Vater freundlicherweise von der Anlegestelle abgeholt hatte,
nahm ich in Stralsund einen Zug Richtung Berlin und freute mich auf meiner Heimreise
schon auf das nächste Abenteuer. Und machte schon wieder einen Denkfehler.
Wenige Monate später erfuhr ich nämlich, dass Käptn Can mir Bordverbot
erteilt hatte. Wegen Meckerns! Meckerns? Hey, dabei gab es doch überhaupt
keinen Grund zur Beschwerde, oder?